Prüfstein Sozialität

Nicanor Perlas beim Hamburger Priesterseminar der Christengemeinschaft

Vom 11. bis 15. April war Nicanor Perlas Hauptredner der öffentlichen Tagung ‹Eine bessere Welt schaffen - Mut zur Zivilgesellschaft› beim Hamburger Priesterseminar der Christengemeinschaft. Der Träger des Alternativen Nobelpreises 2003 zeigte anhand von Beispielen, wie das Verhältnis von Individualität und Gemeinschaft heute fruchtbar zu fassen ist. Die Zivilgesellschaft spielt dabei eine zentrale Rolle.

"Es ist die Aufgabe unserer Zeit, das Mysterium von Individualität und Gemeinschaft zu lösen. Denn dadurch werden wir fähig, über die Grenzen von Staaten, Ländern und Kontinenten hinweg Arbeitsgemeinschaften zu bilden." So faßte Nicanor Perlas sein Anliegen am Tagungsende zusammen. Diese Arbeitsgemeinschaften, so Perlas weiter, "werden dann nicht mehr durch Sympathie, sondern durch eine gemeinsame Aufgabe oder eine Vision innerlich zusammengehalten. Aus dieser neuen Form von frei gewählten Gemeinschaften erwächst eine starke moralische Kraft, weil jedes Mitglied seine Fähigkeiten in den Dienst einer gemeinsamen Aufgabe stellt. Diese Kraft können wir nutzen, um ein alternatives Bild von der Zukunft der Erde zu entwerfen." Im Laufe der Woche beschritt Perlas mit den Teilnehmern einen Weg, auf dem er die Phänomene des heutigen politischen Zeitgeschehens charakterisierte und dann aufzeigte, welche Antworten darauf durch die Zivilgesellschaft möglich sind.

Die eigene Aufgabe in der Welt erkennen
"Das Herz der Revolution ist die Revolution des Herzens", sagt man auf den Philippinen. Mit diesem Sprichwort veranschaulichte Nicanor Perlas, daß die Handlungen in der äußeren Welt nachhaltig wirksam werden, denen eine innere Entwicklung des handelnden Menschen vorangegangen ist. Der Anlaß, um in eine innere Entwicklung einzutreten, ist bei allen Menschen eine Form von Schmerz. Schmerz, Leid und auch Schuld betonte Christengemeinschafts- Priesterin Gwendolyn Fischer in ihrem Beitrag als die Bedingungen, die uns Menschen in die größte Nähe zu Christus bringen, um dann in seiner Gegenwart den Mut zur Selbsterkenntnis zu entwickeln.

Ungerechtigkeiten in der Welt, persönliche Umstände oder das Leiden an sich selbst können uns deutlich werden lassen, wie die Welt sich nur verändert, wenn wir uns selbst auch verändern. Erst wenn ein Mensch seine inneren Prozesse beobachten lernt und seine eigene Aufgabe in der Welt erkennt, kann er auch die Prozesse wahrnehmen, die den Entwicklungen der äußeren Welt zugrunde liegen. Dieser spirituelle Prozeß läßt im Menschen Liebe und Mitgefühl für andere Menschen und für die Erde wachsen. Diese Liebe entwickelt in uns wiederum die Kraft, die uns die Egoität unserer Individualität überwinden lassen kann, um uns als freie Individuen mit anderen Menschen zu verbinden. Dann können wir einer gemeinsamen, menschheitlichen Aufgabe dienen und sozial handeln.

Herausforderung Dialog
Sehr ermutigend waren die Berichte, die Nicanor Perlas im Laufe der Woche über Aktivitäten von Zivilgesellschaftsorganisationen gab, die scheinbar Unmögliches erreicht haben. Der dramatische Zusammenbruch der Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle 1999 ist das bekannteste Beispiel. Allem voran stellte er aber die Erinnerung an die 200 Millionen Menschen, die am 15. Februar 2003 in 60 Ländern gleichzeitig gegen den Irak-Krieg demonstrierten. Ohne zentrale Koordination, aber durch eine Vernetzung verschiedenster Gruppen war es möglich gewesen, diese vielen Menschen zum gleichen Zeitpunkt zu mobilisieren. Dennoch ist wirkliche menschliche Begegnung oder der Dialog zwischen zunehmend individuelleren oder verfeindeten Menschen eine Herausforderung in unserer Zeit. Das Thema Sozialität bleibt trotz der beeindruckenden Ergebnisse von Zivilgesellschaftsorganisationen der limitierende Faktor ihrer Wirksamkeit.

"Eigentlich versagen die sozialen Strukturen und Interaktionen zwischen fast allen Menschen", leitete Nicanor Perlas seinen letzten Beitrag ein, "obwohl Christus selbst den Menschen nur ein wichtiges Gebot gegeben hat, das der Liebe".

Diese Liebe kommt in unserer Zeit nicht mehr von allein. Sie setzt vielmehr eine innere Schulung und die Entwicklung eines lebendigen Geisteslebens voraus. Schulung ist heute somit kein Luxusgut von Bessergestellten mehr, sondern Voraussetzung für jeden Menschen, um den Anforderungen der Zeit standzuhalten und etwas Menschliches entgegensetzen zu können.

Günther Dellbrügger, Priester der Christengemeinschaft, bezeichnete Pfingsten als das Mysterium des 21. Jahrhunderts, da man es als den Beitrag der ‹Göttlichen Welt› verstehen könne, der es Menschengemeinschaften mit gemeinsamen Aufgaben möglich macht, eine allgemein menschliche, friedenstiftende Sprache zu finden - über alle Kulturunterschiede hinweg.

Über die bisherigen Grenzen hinaus
Spiritualität wird in jeder Hinsicht Prüfstein von Sozialität, da eine menschliche Welt nur noch durch die freie Zusammenarbeit von Individuen geleistet werden kann, die weit über die bisherigen Grenzen ihrer Lebenszusammenhänge denken, fühlen und handeln lernen. An Nicanor Perlas war erlebbar, wie sehr das gelingen kann. Von seinem ganzen Wesen geht Frieden aus, auch wenn er in klaren Fakten und mit großer Sachkenntnis über höchst beunruhigende Entwicklungen in der Welt spricht. Jedermann konnte spüren, wie er durch die Art seines Sprechens deutliche Gegensätze integrieren kann und jederzeit geistesgegenwärtig auf die Situation der anwesenden Zuhörer und der Co-Referenten eingehen konnte.

Iris Brockob
Iris Brockob ist Studentin am Hamburger Priesterseminar der Christengemeinschaft.

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Ausstrahlung und Sachkenntnis:
Nicanor Perlas erschien den Studierenden des Priesterseminars als Beispiel gelebter
Priesterlichkeit