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Zu Beginn unserer Festtage möchte
ich Sie alle auch im Namen meiner Kollegen, aller Mitarbeiter und
Studenten des Priesterseminars Hamburg ganz herzlich begrüßen.
Wir freuen uns, dass Sie hierher gekommen sind, um in diesen Tagen,
diesen Festtagen, diesen Impuls, der mit diesem Seminar verbunden
ist, zu feiern, das heißt auch zu bedenken und in seiner Urbildlichkeit,
wenn es geht, vertieft zu fassen als Impuls für unsere weitere
Arbeit.
Ich möchte zunächst von zwei
Menschen grüßen, die sehr gerne hier heute abend bei
uns gewesen wären, aber verhindert sind. Das eine ist der Senator
für Forschung und Wissenschaft der Hansestadt Hamburg, Jörg
Dräger, der uns sehr freundlich geschrieben hat und uns für
diese Festtage und für die weitere Arbeit dieses Seminars von
Herzen alles Gute wünscht. Das zweite ist die Komponistin Sofia
Gubaidulina, die zugesagt hatte zu kommen unter einer Bedingung:
dass an diesem Tag nicht eines ihrer Werke uraufgeführt wird.
Und ich denke, dafür haben wir Verständnis. Sie ist in
Rotterdam, wo Johannes-Passion und Ostern in einer bestimmten Besetzung
uraufgeführt wird. Und sie hat mich gebeten, Ihnen allen auch
ganz herzliche Grüße zu sagen. Ersatzweise haben wir
morgen ja Musik von ihr.
Brücken zu bauen, ist das Motiv dieses
Seminars, dieser Ausbildungsstätte. Und Sie sehen das auch
an dem Bild, was hier am Rednerpult ist, von einer der bekanntesten
Hamburger Brücken. Und wir sehen auch eine Geste, eine Gebärde
daran. Denn um eine Brücke zu bilden, muss man zunächst
ganz stark eine Aufrechte bilden. Sie sehen dies an diesem hohen
Mast, wie er diese Kraft hat, ganz aufrecht zu sein, sich mit der
Erde ganz fest zu verbinden, um dann in der Horizontalen wirklich
Brücken zu bilden. Auch etwas zu tragen, was dann hingehen
kann.
Und im Grunde ist es dieses Motiv, was
uns auch beschäftigt, woran wir arbeiten, das wir uns geistig
begründen im realen Geistigen. Und das aber so, dass wir uns
wirklich mit der Erde, mit den sozialen Verhältnissen tief
verbinden, auch mit dieser Stadt. Wir sind ganz bewusst in diese
Stadt gegangen, schätzen die Weltoffenheit, das Weltbürgertum
dieser Stadt und haben uns engagiert schon in verschiedenen sozialen
Einrichtungen, um das zu verbinden, was in Zukunft verbunden werden
muss Spiritualität und Sozialität.
Die Sozialität wird brauchen die Kraft,
den Impuls aus dem Geistigen, sonst haben wir das Symptom des Burn-out,
wo man bei allem guten Willen die Kräfte verliert, im Sozialen
auf die Dauer zu wirken. Und es genügt auch nicht, sich am
Spirituellen persönlich zu befriedigen und es dabei das Bewenden
haben zu lassen. Wir müssen diese beiden Motive verbinden.
Und es gibt das Bild des Kreuzes, die Aufrechte
die Vertikale und die Horizontale. Ein Motiv übrigens,
was in der Musik von Sofia Gubaidulina eine große Rolle spielt.
In croce heißt eines ihrer Hauptwerke. Immer wieder
versucht sie, eine horizontale Geste mit einer vertikalen Geste
zu verbinden. Wir haben ein Urmotiv vor uns.
Und das ist die Grundlage, der Kern, der
Anfang für alles, was dann Dialog werden kann, was Brückenbau
werden kann. Man muss sich selbst wirklich begründen im Geiste,
auf der Erde, und von da können Brücken geschlagen werden.
Und Brücken sind heute notwendig, nicht nur zwischen Mensch
und Menschengemeinschaften und Gott, sondern auch zwischen Mensch
und Mensch, wo die Isolation wächst, die Einsamkeit, die Not,
und auch zwischen Mensch und Natur. Wir haben eine Entfremdung nicht
nur zwischen Mensch und Mensch, sondern auch zwischen dem Menschen
und der Natur.
Und insofern spielt in unserer Ausbildung
auch die goetheanistische Anschauungsweise eine ganz besondere Rolle.
Sie ist unserer Ansicht nach die Grundlage aller Ökologie.
Wenn der Mensch nicht ein inneres persönliches, verantwortliches
Verhältnis bekommt zur Natur, zur so genannten Umwelt, eigentlich
der Welt, dann sind alle politisch-gesellschaftlichen Maßnahmen
ohne eine reale Grundlage. An diesen Brücken wollen wir bauen,
an einer modernen Religiosität, die auch umfasst, eine echte
neue Sozialität und eine neue Verbindung mit der Natur.
Und damit fühlen wir uns auch im Einklang
mit dem Leitbild, das die Hamburger Universität sich gegeben
hat: zum mündigen Bürger zu erziehen und die Wissenschaft
in den Dienst des Menschen zu stellen. Dieses Leitbild findet sich
in jedem Vorlesungsverzeichnis der Hamburger Universität
ein hohes Ideal, zu dem wir unseren winzig kleinen Beitrag leisten
möchten. Wir haben diesen ersten Abend gestellt unter das Thema
Dialogfähigkeit der Beitrag der Bildung zur Zivilgesellschaft.
Und das kam so zustande, dass ich vor einiger Zeit telefonierte
mit Herrn Dr. Schily und ihn fragte: Was sind jetzt die virulenten
Themen in der Öffentlichkeit? Was bewegt denn die Menschen?
Was spricht sie innerlich an, auch in ihrer Initiativkraft? Und
dann sagte er: auf der einen Seite das Thema Zivilgesellschaft
und auf der anderen Seite wirkliches, aber freies, überkonfessionelles
Christentum. Und so ist er doch mit Schuld an dem Thema dieser Tage!
Es hat mir unmittelbar eingeleuchtet wir
haben das im Vorbereitungskreis besprochen und es hatte eine
Evidenz. Auf der einen Seite die Tatsache, dass der Staat finanziell,
aber auch sonst, nicht mehr in der Lage ist, die gesellschaftlichen
Probleme zu lösen. Jemand hat einmal treffend gesagt, das 20.
Jahrhundert zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschheit sich
selbst unlösbare Probleme geschaffen hat. Die Frage ist, wie
gehe ich mit unlösbaren Problemen um? Der Staat allein ist
überfordert.
Zivilgesellschaft: Kann der einzelne Mensch
den gewachsenen Radius seiner Verantwortung wahrnehmen und etwas
tun? Kann er die Verantwortung über seinen persönlichen
Lebenskreis hinaus realisieren? Es gibt in der Medizin eine Gruppe
von Ärzten, die sich zusammengeschlossen hat unter dem Namen
Ärzte ohne Grenzen. Das finde ich einen wunderbaren
Titel: dass unabhängig von politischen Grenzen, von Rassenkonflikten
überall geholfen wird. Und ich möchte sagen, das Ziel
des Christentums in der Zukunft könnte man auch einmal so formulieren:
Christen ohne Grenzen. Dazu gehört auch das soziale
Engagement an der Stelle, wo wir jeweils sind, und in dem Umfang,
wie wir das leisten können. Überkonfessionelles Christentum
heißt nicht, dass wir Konturen verwischen wollen, den kleinsten
gemeinsamen Nenner suchen, wo dann kaum etwas Substanzielles übrig
bleibt, sondern in dem Sinne, wie es ein orthodoxer Christ formuliert
hat: Die Differenzen, die Grenzen, die Unterschiede, die Gegensätze
zwischen den Kirchen reichen nicht bis zum Himmel! Es gibt ganz
real eine Sphäre, die darüber ist und wo die Menschen
verbunden sind und gar nicht mehr danach suchen müssen, wie
sie das herstellen können. Ich werde versuchen, morgen abend
darüber Näheres zu sagen.
Und so freuen wir uns sehr, dass Herr Dr. Schily heute abend hierher
gekommen ist. Die meisten von Ihnen werden wissen, dass er einer
der Gründer des auf anthroposophischer Grundlage arbeitenden
Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke ist, aber auch entscheidend
mitgewirkt hat an der Gründung der Freien Universität
Witten-Herdecke, deren Leitung er neuerdings wieder übernommen
hat, eines Unternehmens, wo in freier Trägerschaft ein Beitrag
zur Bildung des heutigen und künftigen Menschen geleistet wird.
Was heißt Bildung heute? Und welchen Auftrag hat Bildung für
unsere Gesellschaft?
Dr. Günther Dellbrügger
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