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Der Entschluss, ein zweites deutsches und
ein Seminar in Amerika zu begründen, ist aus einem Dialog entstanden,
einem Dialog innerhalb der Priesterschaft, einem Dialog mit vielen
Menschen aus dem Freundes- und Mitgliederkreis und einem Dialog
mit der Welt, in dem wir versucht haben, intensiv in die Welt hineinzuschauen
und in die Signaturen unserer Zeit.
Die Wahl, die dann auf Hamburg fiel, entschied
sich relativ schnell. Einerseits hat Hamburg eben wirklich Weltstadtcharakter
mit allem was dazugehört: mit der Weite in wirtschaftliche
und Handelsbeziehungen überall hin, basierend auf langer Tradition
durch die Hanse. Außerdem gibt es hier eine große Universität,
das heißt, das akademische und das kulturelle Leben ist stark
ausgeprägt und hat auch große Tradition. Drittens sind
alle sozialen Schichten mit allen dazugehörenden Chancen und
Problemen vertreten. Wir haben es oft so formuliert: jeder Aspekt
Hamburgs soll Ausbildungsfaktor für unsere Studenten sein.
Die Weite, das Multinationale, Multikulturelle, die soziale Vielfalt
und Vielschichtigkeit und das Akademische. Wir haben sehr erfreuliche
erste Kontakte und Beziehungen knüpfen können hier zu
der Universität, nicht nur zu diesem Raum heute (Audimax) und
nicht nur zur Mensa, wo wir doch unsere meisten Mahlzeiten einnehmen
(mit mehr oder weniger Freude!), sondern auch zu anderen Studenten
und manchen Professoren. Das hat noch Wachstumspotenzial, aber hat
schon begonnen.
Wir haben auch gleich von Anfang an intensiven
Kontakt gesucht und gefunden zu vielen städtischen sozialen
Einrichtungen, sodass unsere Studenten mindestens jeden Donnerstag
ihren Stadttag gehabt haben und Erfahrungen machen konnten in der
städtischen Hospiz-Arbeit, in der Betreuung von Wachkoma-Patienten,
in der großen Einrichtung Pflegen und Wohnen oder
in der Obdachlosenhilfe, in der Drogenhilfe oder bei der Bahnhofsmission.
Überall, wo wir angeklopft haben und gefragt haben, ob unsere
Studenten mitarbeiten dürfen in dem Rahmen, den das Studium
ermöglicht, ist man uns mit freudigen, offenen Herzen entgegengekommen.
Und es hat sich eine wunderbare erste Zusammenarbeit ergeben, sehr
zum Gewinn unseres Seminars.
Was wollen wir mit diesem Hineingehen in
die Stadt im Kontext der Ausbildung? Wir wollen Nähefähigkeit
üben zu jedwedem Schicksal von heute sowohl dem Schicksal,
das sich hinter gegründeter Bildung, aber auch dem, das sich
in Abgründen, in den Randzonen der Gesellschaft verbergen kann.
Zeitgenossenschaft wollen wir üben.
Darüber werden Herr Kröner und
ich noch ein bisschen mehr zu erzählen versuchen in dem zusätzlichen
Workshop, den wir anbieten um 14.30 Uhr, da unsere übrigen
Workshops so stark ausgebucht sind, dass wir dachten, das könnte
doch noch eine Lücke sein. Wir werden also von halb drei bis
vier Uhr ausführlich erzählen über diesen Aspekt
unserer Ausbildung und auch über anderes.
Ein weiterer Hauptgrund aber, sich für
Hamburg zu entscheiden, ist die Fülle, die relative Fülle
der Gemeinden der Christengemeinschaft hier. Sechs gibt es, eigentlich
sieben. Und dann noch die Nähe zu vielen Nachbarstädten,
in denen auch lebendige Gemeinden existieren und die wir, soweit
es irgend geht, mit einbeziehen in das Erfahrungsfeld unserer Studenten
und wo sie zunehmend dann auch versuchen können, etwas hineinzutragen.
Ein lebendiger, außerordentlich bereichender
Kontakt ist schon gewachsen zu unserer Nachbargemeinde, der Johannes-Kirche
in der Johnsallee. Sie werden hoffentlich Gelegenheit haben, die
Räume und die Situation dort kennen zu lernen bis hinein in
ihre räumliche Verschränkung mit unserem Seminar. Aber
die Verbindung entsteht vor allem, indem Schicksale miteinander
geteilt und weitergesponnen werden. Wir versuchen also eine gemeindenahe
Ausbildung.
Soviel vielleicht zu den Gesten, die nach
außen hin sichtbar werden. Was tun wir, was versuchen wir
für die Ausbildung nach innen? Da möchte ich zu Beginn
ein Bild berühren, skizzieren, was schon aufklang, als wir
vor einem Jahr dieses Seminar begründet haben, und womit ich
bewusst den Bogen noch einmal schlagen möchte zu dem 16. September
2001. Kurz davor war der 11. September. Da hat ein Kollege, Dr.
Jörg-Johannes Jäger, bei uns in Lübeck einen Vortrag
gehalten, von dem man zunächst nicht ahnen konnte, wie zentral
er etwas zu geben vermochte zu diesem die Welt so erschütternden
Ereignis. Der Vortrag handelte von Kaiser Heinrich II. Dankenswerterweise
hat Herr Dr. Jäger sehr viel von dem, was er da ausgesprochen
hat, in einem Beitrag für uns alle zugänglich gemacht
in unserer Festschrift, die Sie gleich im Anschluss, wenn Sie das
mögen, erwerben können. Es ist außerdem gelungen,
sehr schöne Abbildungen da hereinzubringen von dem, worüber
ich jetzt kurz sprechen möchte, nämlich von dem Krönungsmantel
Kaiser Heinrichs II.
Als Dr. Jäger den beschrieb
und wie gesagt, die Ereignisse vom 11. September waren in aller
Herzen da war mir diese Schilderung wie eine Verdichtung
all dessen, was wir als Ausbildungsziel anzustreben versuchen. Dieser
Mantel ist ein großer blauer Umhang, goldbestickt mit einer
Fülle von Motiven. Diese Motive die Tierkreiszeichen,
Sonne und Mond und vieles mehr sind kennzeichnend für
den Bewusstseinsumkreis, dem sich der Kaiser verpflichtet fühlte
bei allen wichtigen Entscheidungen, die er zu fällen hatte,
die er auch durchzutragen sich verpflichtet fühlte. In der
Mitte dieser Fülle aber: der Auferstandene, ja, wenn er den
Mantel trug, war der Auferstandene zwischen den Schulterblättern
zu sehen. Wenn wir uns hineindenken in die Art, wie Kaiser Heinrich
mit seinem eigenen Leben, mit seinem Verantwortungspaket umgegangen
ist, dann können wir nachfühlen, dass er sich den Auferstandenen
wie anwesend zwischen den Schulterblättern bewusst gemacht
hat. Da an der Siegfried-Stelle, wo Siegfried verwundbar war. Da,
wo die Wunde ist. Da kann die höchste Kraft am allerehesten
Zugang finden. Und von da aus ausstrahlend in helles Denken und
in warme, die Taten und die Schritte begleitenden Empfindungen.
Es verwandelt einen, wenn man sich dieser Stelle bewusst wird und
sich dieses Wesen dahinein imaginiert.
Aus dem heraus ist es uns eben so außerordentlich
wichtig, dass unsere Studenten einen lebendigen Zugang zum Evangelium
gewinnen. Da tun wir, was uns nur irgend einfällt. Auf die
verschiedenste Weise. Über das Griechische sie lernen
fleißig griechisch über Theologisches wir
haben im letzten Semester zwei reiche Kurse über das Ur-Christentum
gehabt, auch ein wunderbares Referat über Thomas von Aquin
um nur einiges zu nennen. Also: wir versuchen, Schätze
zu heben aus dem Gang des Christentums, aus der ganzen Biographie
des Christentums.
Vor allen Dingen aber versuchen wir zu veranlagen, dass das Evangelium
wie eine innere Heimat wird, ein Kraftquell, aus dem heraus wir
versuchen können, Schritte in die Welt zu tun, die uns nicht
von alleine in die Wiege gelegt sind. Dahin, wo uns zunächst
keine Neigung führt oder uns sogar die Sorge, die Angst, auch
die Angst vor unserer eigenen Hilflosigkeit, vor unserer eigenen
Ungeschicklichkeit hindert.
Denn das Evangelium kann erlebt werden,
ergriffen werden als ein Methodenbuch. Will man ein Buch haben,
das die Geschichte der Menschheit von vor 2000 Jahren dokumentiert,
so wählt man besser ein anderes, ein Geschichtsbuch. Man lese
Tacitus oder ich weiß nicht, was. Wenn man aber das Evangelium
wirklich ergreift, dann wird es uns zu einem verzeihen Sie
dieses abstrakte Wort einem Methodenbuch, einem Buch, das
lehrt, wie man Mensch sein kann. Und von daher ist es übertragbar
in jedes Schicksal und in jede Zeit. Denn es ist das Buch der Spuren
des Jesus Christus selber, wie Er umgegangen ist als göttliches
Wesen mit Seinem Menschsein. Hineingegangen ist Er in einen Menschenleib,
ist Mensch unter Menschen geworden, d.h. Er kennt das Menschsein
von innen. Er ist sozusagen in unseren Mokassins gelaufen, um dieses
indianische Sprichwort, was vielleicht viele von Ihnen kennen, aufzugreifen.
Und in diesem Erdenleben zeigt Er eine Signatur: Immer stärker
ist Er hineingegangen in die Welt, in den Anteil unserer Menschenwelt,
der sich dem Menschwerden eigentlich entgegenstellt. Immer radikaler
hat Er sich herausbewegt aus den Schutzzonen und ist hineingegangen
da, wo Er mehr als irgendein anderer wusste, was ihm widerfahren
würde, hinein in den Spott, den Hohn, die Gefangennahme, den
Verrat, das Kreuz. Hinein in die von Übeln durchsetzte Welt.
Denn nur dadurch konnte Er beweisen, dass die Liebe eine Kraft sein
kann, die stärker ist als aller Vernichtungswille. Das kann
sie nur da beweisen, wo die äußersten Kräfte ihr
entgegenstehen.
Und darum stehen wir eben in dieser Überzeugung,
dass das, was am Kreuz errungen wurde, was in dem Ostergeschehen
errungen wurde, nicht vergangen ist. Dass der Christus seitdem sich
anwesend machen kann in der Menschenwelt, ganz real. Mit der russisch-orthodoxen,
griechisch-orthodoxen, der katholischen Kirche fühlen wir uns
im Zentrum verbunden mit der Pflege der sieben Sakramente aus der
Überzeugung heraus, dass Er da anwesend sein kann. Und wir
fühlen uns zutiefst verbunden mit der evangelischen Kirche,
die auf der Grundüberzeugung Luthers steht, dass die Eucharistiefeier
ein geistig reales Geschehen ist. In dem berühmten Abendmahlsstreit
mit Zwingli hat Luther in stiller und doch so eindrucksvoller Weise
seine Überzeugung dokumentiert, als er vielleicht des
Argumentierens müde, denn Zwingli war der viel fähigere
Rhetoriker mit Kreide auf den Tisch schrieb: Est
Das Brot ist Christi Leib (nicht nur, wie Zwingli vertrat:...
bedeutet Christi Leib), der Wein ist Christi Blut (nicht nur: ...bedeutet
Christi Blut). Mit Luther also sind wir überzeugt: Der Christus
ist anwesend im Sakrament.
Und aus dieser Überzeugung feiern
wir mit unseren Studenten jeden Tag die Abendmahlsfeier, die wir
nennen die Menschenweihehandlung. Aus dem heraus wird verständlich,
warum sie der eigentliche Grundstein unserer Ausbildung ist, denn
es geht um die Vergegenwärtigung des Christus in uns, unter
uns, mit uns.
Und aus diesem Quell heraus versuchen wir,
uns hineinzubewegen auch in die anderen Ausbildungsfelder, in denen
es Kenntnisse zu erwerben gilt, in denen wir Fähigkeiten auszubilden,
Sozialkompetenz auszubilden haben.
Unsere drei Jahre Grundausbildung, auf
die sich dann die Schlussausbildung, die Weihevorbereitung gründet,
kann für all das nur Grundstock und Anregung sein. Aber aus
dem Heimatboden des Evangeliums, aus dem täglich versuchten
Sich-in-die-Gegenwart-des-Christus-hineinzustellen versuchen wir
das zu veranlagen als Kraftquell, was ich angedeutet finde in dem
Kaisermantel Heinrichs II.: mit dem Christus hineingehen in jedwede
Aufgabe, den Mut haben, den Mut immer stärker zu entwickeln
versuchen, dahin zu gehen, wo noch ungebahnte Wege auf uns warten,
wo es keine Gemeinden gibt, die uns schon erwarten, den Mut fassen,
Gründer zu werden. Begründer des Lebens mit dem Christus
an immer neuen Stätten.
Mehr zu dem, wie wir das anpacken, mehr
zu dem Methodischen und mehr zu den Menschen, mit denen wir im ersten
Jahr gearbeitet haben da waren es Studenten aus neun Nationen,
jetzt sind es Menschen aus elf Nationen im ersten und dritten Semester,
können Sie dann heute nachmittag um halb drei erfahren oder
auch bei einem Informationstag, den wir im Oktober anbieten.
Gwendolyn Fischer
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