Verehrte, liebe Freunde und Mitglieder, Mitträger
dieses neuen, jungen Priesterseminars in Hamburg,

es freut mich sehr, dass ich heute einen kleinen Beitrag aus der Perspektive des Ostens zu diesem Dialog-Wochenende leisten kann. Natürlich bin ich ein Mensch des Westens und kann deshalb nicht authentisch für den Osten sprechen. Das muss leider in der Abwesenheit von Vater Georgij Tschistjakov heute die wunderbare Musik von Sofia Gubaidulina leisten und erbringen. Sie hat es schon erbracht, und sie wird es auch noch weiter erbringen im Hinhören und Hinlauschen auf diese Musik, die ja so ganz ungewohnt ist für unsere Ohren, und in dem Sich-hinein-zu-hören-versuchen in das, was dort wirklich im Osten entstanden ist – und Sofia Gubaidulina stammt ja aus Kasan, ist Tatarin hören wir wirklich eine authentische Stimme des Ostens, vielmehr des Ostens sogar noch als der orthodoxen Christenheit, wie sie denn dort in Russland lebt und in Russland zu bestimmen ist.

Wir erleben ja heute eine Gründungsphase nicht nur hier in Hamburg mit dem Priesterseminar. Sondern wir erleben auch eine Gründungsphase in Moskau selbst für die Christengemeinschaft, die dort nun schon seit zehn Jahren im Entstehen ist und ein lebendiges Gemeindeleben entwickelt dank der treusorgenden Hilfe – und dieses sei an dieser Stelle gesagt – an erster Stelle von Herrn Dellbrügger und seinen Priesterkollegen, Frau Johanson aus München und Herrn Hornemann aus Stuttgart, die in ganz besonderer Weise dieses Werden dort mitgetragen und auch mitgestaltet haben. Und jetzt passiert dort etwas, dass sich diese Christengemeinschaft in Moskau auch inkarnieren will. Ganz wörtlich, dass sie dort hofft, bald einen Weiheraum selbst als ständiges Heim zur Verfügung zu haben.

Also, im Osten entsteht einiges. Herr Dellbrügger sagte es eben schon: Studenten von dort kommen an dieses Seminar hierher. Es ist bisher noch nicht gelungen, einen russischen Priester zu weihen. Die Hoffnung, dass dieses dann doch bald geschehen möge, ist eine ganz dringende Hoffnung. Denn ohne Priester, die aus der eigenen, aus dem eigenen kulturellen Zusammenhang, aus dem eigenen Volk entstanden sind, wird sich das auf Dauer nicht wirklich tragen können. Dann ist das nur immer eine Leihe. Und es muss aus dieser Leihe, so wichtig sie für den Anfang ist, am Ende das eigene werden.

Aber ich darf doch, weil nun immerhin mein berufliches Leben mich elf Jahre mit Russland und mit Moskau verbunden hat, hier in diesen Dialog, in dieses Dialog-Wochenende eine Stimme hineintragen, die auch dieses Überkonfessionelle zeigen und zum Ausdruck bringen will. In Moskau ist es mir vergönnt gewesen, eine sehr tiefe und innige Freundschaft zu entwickeln mit dem Bischof einer Kirche, deren Name hier heute noch nicht angeklungen ist, nämlich der Antiochischen Kirche. Die Antiochische Kirche ist ja nach der Apostel-Geschichte vielleicht die älteste Kirche jedenfalls außerhalb des Heiligen Landes, außerhalb Jerusalems. Und es ist dort gewesen, wo die Christen das erste Mal wirklich Christen genannt worden sind. Dieses Antiochia, das alte, das liegt ja unheimlich fern von unserem Bewusstsein. Und niemand weiß eigentlich, was Antiochien wirklich gewesen ist. Aber Antiochien war damals eine Weltstadt wie Hamburg heute. Das heißt also, Hamburg vergleiche sich mit Antiochia.

Und wenn ich diesen Vergleich von Hamburg nach Antiochien oder besser von Antiochia nach Hamburg ziehe, so tue ich dies ganz bewusst, nicht nur wegen des mir so eng verbundenen Bischof Nifon, auf den ich gleich noch einmal zu sprechen kommen werde, sondern auch weil der Apostel Paulus gerade von Antiochia aus seine Missionsreisen angetreten hat in die Welt. Und das war damals wirklich die Welt.

Er hat das Christentum herausgetragen, ganz bewusst herausgetragen aus dem jüdischen Umkreis in die heidnische Welt, in die Welt, die von dem einigen Gott, dem unbekannten Gott, wie er ihn dann genannt hat in Athen, nichts gewusst hat. Aber er ist – dialogfähig, wie er war – in die Welt hinausgegangen und ist zu den Athenern hingegangen. Die Athener hat er ja so beschrieben wie unsere heutige Welt. Sie interessieren sich für alles und nichts. Sie sind ständig auf der Suche nach etwa Neuem und mit nichts zufrieden zu stellen. Lesen Sie in der Apostel-Geschichte nach! Dort ist unsere heutige Welt beschrieben. Und in diese heutige Welt ist der Paulus hineingegangen und hat gesagt, als er dort mit den ehrwürdigen Herren – das muss etwa so gewesen sein wie hier in diesem Saal – auf dem Areopag zusammen gekommen ist und hat gesagt: all das, was ihr hier so erörtert usw., das gibt es bereits! Ich bin durch eure Stadt gegangen und habe dort einen Tempel gefunden und darauf stand „dem unbekannten Gott“. Und ich rede von dem unbekannten Gott, nämlich er ist bereits Wirklichkeit geworden, es ist der Christus. Und so hat er gehört auf das, was die Welt, in die er hinein trat, ihm zu sagen hatte. Er war dialogfähig. Er konnte nämlich hören. Er hörte, was Athen lautlos zu ihm sprach, was die Welt zu ihm sprach, und konnte darauf die Antworten geben.

Dieses Hören-Können und Sprechen-Können, das ist das, was meinen Beruf eigentlich ausmachte, als ich dann Botschafter geworden war. Als Botschafter muss man hören können, was in dem Lande, in dem man wirkt und arbeitet, geschieht. Und man soll natürlich auch sprechen können im sehr konkreten Falle für die Regierung, die einen dort hingeschickt hat. Man ist also Ohr und Mund zugleich. Und ich möchte meinen, dass dieses nicht nur eine Beschreibung meines Berufes und meines Berufsbildes ist, sondern dass dieses auch das ist, was eigentlich von den Priestern, die da in die Welt hinausgehen, gefordert wird. Sie sollen hören können.

Wir haben es ja heute morgen sehr plastisch gehört, als wir von Frau Fischer die Beschreibung des Curriculums für die Studenten des Priesterseminars gehört haben, dass sie in die Stadt, in die Welt hinausgehen und hören sollen. Sie sollen aufnehmen all das, was in ihrem Umkreis sich artikuliert, manchmal sprachlos artikuliert, aber doch unüberhörbar artikuliert, und sollen darauf Antworten geben können. Also diese Dialogfähigkeit der Existenz ist etwas ganz Entscheidendes, und ich möchte es wirklich wünschen, dass dieses Anliegen, wie es hier in Hamburg gewollt wird, in diesem Athen des 21. Jahrhunderts, dass dieses wirklich gelingt.

Aber jetzt noch wieder zurück zu meinem Freund, dem Antiochischen Bischof Nifon: Das ist ein großartiger Mensch. Wir haben fünf Kinder. Und das Schicksal hat es gewollt, dass vier dieser Kinder in Moskau geheiratet haben. Nur eins dieser Kinder heiratete eine Russin, , weil wir Eltern unseren Lebensumkreis in Moskau hatten, die anderen aber Engländer bzw. zwei Deutsche. Da es in Moskau noch keine ständige Christengemeinschaft, jedenfalls in einer regelmäßigen Weise gibt, sagte dieser Bischof Nifon als antiochischer Christ: „Ihr seid Christen, ich bin Christ. Wenn eure Kinder Gottes Segen zu ihrer Eheschließung erhalten wollen, dann bin ich dazu da, ihnen diesen zu geben.“ Er hat nicht nach Konfession gefragt, er hat nur gefragt: Seid Ihr Christen?

Ich glaube, das ist eine ganz wichtige und entscheidende Erfahrung in aller Konfessionalität – confessio heißt ja Bekenntnis – Bekenntnis zu dem, was man ist: In dem Selbstsein und Bewusstsein seiner selbst offen zu sein für das, was die anderen sind, und was der andere ist. Ich glaube, da kann ganz unvoreingenommene, mehr noch muss unvoreingenommene Christlichkeit gelebt und praktiziert werden. Dass da jeder in der Art und Weise, wie er gewachsen ist und wie er sich entwickelt hat, an seinem Eigenen festhalten will, ist selbstverständlich. Aber dass man sich nicht verschließt gegenüber den anderen, das ist wesentlich.

Und jetzt noch ein Drittes, was auch gewachsen und erfahren ist aus meiner beruflichen Tätigkeit, die mich eben, wie gesagt, elf Jahre in den Osten geführt hat: Und das ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt und das ich an dieser Stelle doch gerne ansprechen möchte. Das ist die Aufgabe des Friedens. Es ist in den Worten von Frau Fischer heute morgen schon angeklungen, jedenfalls am Rande berührt mit den Ereignissen und Signaturen, unter denen wir am Anfang dieses Jahrhunderts seit dem 11. September vergangenen Jahres ja stehen. Als Diplomat steht man immer vor der Frage und vor der Aufgabe beizutragen, Frieden zu schaffen. Ich glaube es ist wesentlich, sich Rechenschaft darüber abzulegen, was Frieden denn wirklich ist. Wenn man nicht weiß, was Frieden ist, kann man dafür nicht arbeiten. Und Frieden ist auf jeden Fall nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Das ist zuwenig. Wir haben dankenswerterweise in den letzten 50 Jahren hier in Europa keinen Krieg gehabt und haben dieses Frieden genannt. Aber es ist noch nicht der Friede. Der Friede ist zunächst einmal etwas, was ganz individuell christlich errungen werden kann und nur christlich errungen werden kann. Die Menschenweihehandlung zeigt das ganz deutlich, dass nur dort, wo der Christus ist, auch Friede ist. Aber dass das, was der Mensch sich in der Verbundenheit mit Christus als Frieden erringen kann, dass dieses dann wirklich nach außen getragen werden muss, um Frieden mit den anderen im Dialog, in der Überkonfessionalität zu schaffen, das ist die Aufgabe.
Und ich wünsche dem Seminar, ich wünsche der Stadt, in der dieses Seminar wirkt, dass es einen Beitrag zu diesem großen Anliegen der Menschheit im 21. Jahrhundert erbringen kann.

Ernst-Jörg von Studnitz