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Die Geschichte ist eine Lehrmeisterin für die bewusste Wahrnehmung des geistigen Ursprunges menschlichen Lebens. Immer wieder führt sie uns Vorgänge vor Augen, in denen eine Welt fertiger, scheinbar unverrückbarer Tatsachen plötzlich in sich zusammenbricht und wie aus dem Nichts Dinge ans Tageslicht treten, die man nie erwartet hätte. Indem man sich diesem Hindurchgehen durch den „bodenlosen“, ungesicherten Augenblick fehlender materieller Ansicht wirklich aussetzt, erahnt man die unsichtbare Quelle, aus denen Wirklichkeit hervorgeht. Die Fakten selber sind gar nicht die historische Realität, vielmehr werden sie zum bildhaften Ausdruck der tieferliegenden, verborgenen Kräfte, aus denen die Geschichte entsteht.
Sobald man mit dieser Tatsache ernst macht, verändert sich schlagartig der ganze Umgang mit der Geschichte. Wir schließen nicht mehr von der einen Erscheinung auf die andere, sondern schauen die Ereignisse wie Bilder an. Wir suchen nicht mehr im Früheren den Grund für das Spätere, sondern bemerken in der historischen Handlung die Wirksamkeit der Zukunft. Zum Forschungsgegenstand werden die Bewegungen unseres inneren Seelenlebens, das Halb- und Unbewusste wird der Schauplatz der historischen Anschauung, und damit gewinnen der Traum, die Nacht, die Ahnung usw. mit einem Male an Bedeutung.
Die Vorlesung möchte einen Eindruck davon vermitteln, wie eine Geschichtserkenntnis, die in diesem Sinne hinter der äußeren Erscheinungswelt den Menschen entdeckt, zu einem religiösen Schulungsweg werden kann.
Andre Bartoniczek | Geboren 1965. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Heidelberg. Nach dem Referendariat an Gymnasien von 1997 bis 2003 Oberstufenlehrer für Deutsch und Geschichte an der Waldorfschule in Weimar, seit 2004 an der Uhlandshöhe in Stuttgart. Gleichzeitig Tätigkeit in der Lehrerbildung, Autor der Studie „Imaginative Geschichtserkenntnis. Rudolf Steiner und die Geschichtswissenschaft“ (2009) sowie verschiedener Aufsätze zur Geschichte, Pädagogik und Ästhetik. Verheiratet, zwei Kinder.
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