|
Der Mensch ist das sprechende Wesen. Indem er spricht, äußert sich der Mensch. Das heißt, er trägt seine Innerlichkeit in die Äußerlichkeit. So befreit er das, was in seinem Inneren vorgeht. Das unausgesprochene Wort ist an die Innerlichkeit gebunden; das ausgesprochene Wort ist frei für die Außenwelt. Wäre der Mensch stumm, wäre er demnach nicht frei.
Dass das Sprechen ein Befreien ist, hat nicht erst der Mensch entdeckt. Das Weltenwort, der Logos, ging ihm in dieser Bewegung voran. Denn nur indem ein göttliches Wesen sich ausspricht, sich äußert, entsteht Welt und wird die Gottheit frei. Damit ist aber zumindest für das Christentum der Weg noch nicht vollendet. Denn die christliche Religion unterscheidet sich von allen anderen Religionen, indem sie bekennt: Die Gottheit hat sich nicht nur in ihrer Schöpfung ausgesprochen, sondern sie ist auch bereit gewesen, in und für diese Schöpfung zu sterben. Auf Golgatha wird das Sprechen Gottes Lebens-Todestat. Daraus entstand die Möglichkeit, das Leben der Welt fortzuführen.
Der Mensch ist nicht nur das sprechende Wesen, er ist auch das sterbende Wesen. Dieses Sterben ist kein einmaliges Ereignis im Menschenleben: „Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt“ (Angelus Silesius). Auch im Menschenleben erweist sich so das Sterben als Tor zur fruchtbaren Fortsetzung des Lebensweges.
In meiner Vorlesung möchte ich zu zeigen versuchen, wie die erneuerte Beichte als Kunst des Gesprächs gerade in diesen subtilen, fast unbemerkten Sterbevorgängen Stütze, Befreiung und sakramentale Segnung bringen kann.
Mathijs van Alstein | wurde 1976 in Belgien geboren. Nach dem Besuch der Waldorfschule studierte und unterrichtete er Philosophie an der Universität Antwerpen. 2006 kam er an das Hamburger Priesterseminar. Im Jahre 2010 empfing er die Priesterweihe und wurde nach Zeist, Holland, ausgesandt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
|