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In der Beratungsarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist für mich oft eine „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ spürbar, nach Anschluss an einen herausgehobenen, numinosen Zustand. Dies wird nicht formuliert, sondern lebt in sich selbst organisierenden sozialen Momenten als eine unbestimmte, ihrer selbst nicht bewusste Erwartung. Typischerweise organisiert sich diese Sehnsucht kollektiv an Örtlichkeiten, die eine Sphäre der Grenze oder Grenzüberschreitung nahelegen: an Bahnhöfen, an Straßenecken, in aufgelassenen Fabrikhallen o.ä. Die quasi-rituellen, aber ziellosen Zusammenkünfte lösen sich beiläufig wieder auf, der Grenzort lädt aber auch zum Wiederkommen und erneuten Zelebrieren ein.
Wieso spielt sich solches nicht im Rahmen der von den organisierten Religionsgemeinschaften vorgehaltenen Ritualen und kultischen Räumlichkeiten ab? Offenbar sucht man einen eigenen Zugang zu dem ganz Anderen, unvermittelt durch professionelle Mittler zum Höheren, wie es Priester bzw. religiöse Gemeinschaften anbieten.
Ist hier eine Art aufsuchender religiöser Arbeit gefragt, sollten die Religionsgemeinschaften sich hier offensiver anbieten? Wenn ja, sicher nicht lehrhaft, sondern fragend.
Ist es ein post-christliches Phänomen oder eventuell eine neue, weil individualisierte Stufe der Suche nach der Aufrichtekraft?
Die Vorlesung gibt keine bündigen Antworten, sondern will solche Fragen aufwerfen.
Mathias Wais | geboren 1948 in Stuttgart, Studium der Psychologie, Judaistik, Tibetologie und Psychoanalyse; eigene Forschungen in der Neuropsychologie. Arbeit in der anthroposophischen Heilpädagogik. Beratungsarbeit und Krisenintervention. Biographische Forschungen. Arbeitsschwerpunkte: Biographik von einem geistigen Menschenbild aus; Missbrauch; Therapie mit Sexualstraftätern; Hochbegabung, jungenspezifische Pädagogik. Verheiratet, zwei Kinder.
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